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Oha, ein Newsletter von Daniel? Lange her!
Es tut mir leid, es ist wirklich viel zu lange her! Das hat gute Gründe und dennoch ist es mir ein Anliegen, dem wieder nachzukommen, weswegen ich hier gestartet bin. Euch mitzunehmen auf meine Lernreise, tief in Klima- und Nachhaltigkeitsthemen. Heute starten wir eine neue Serie, denn was mich die letzten Monate und Jahre beschäftigt hat, hat mich gleichzeitig stark gebunden, emotional wie intelektuell, aber auch krass eingeschränkt in meinen Kommunikationsfähigkeiten. Dieser Knoten ist finally geplatzt, los gehts:
Wir im Kollaps
Über diesen Text denke ich schon viel zu lange nach. Deswegen nun endlich mal runter schreiben, mit euch teilen. Es wird eine Serie. Und für manche viele Anschlüsse geben, gar Hoffnung entfalten, für viele bestimmt auch erstmal Abwehr hervorrufen.
❤️🩹 Es geht um Kollaps.
Es geht darum, dass immer mehr Menschen einen Kollaps für unvermeidlich halten. Zu denen gehöre leider inzwischen auch ich.
Aber das soll kein Text vom Aufgeben sein, ganz im Gegenteil. Alles, was wir tun, zählt auch weiterhin. Wir sollten nur aufhören, uns falschen Hoffnungen hinzugeben und unsere (immer stärker) begrenzten Ressourcen auf die falschen Themen zu werfen. Damit meine ich nicht nur unsere immer weiter überschrittenen planetaren Grenzen. Damit meine ich insbesondere die schwindenden Mittel in Kultur, Bildung, Zivilgesellschaft dank Austeritätspolitik, aber auch dank einer rückwärtsgewandten Politik was Nachhaltigkeit angeht, was Klima angeht, was Gesellschaft angeht. Es gibt leider weder in unserem gesellschaftlichen Handel noch in Politik, egal auf welcher Ebene, Anlass zu großer Hoffnung. Wir überschreiten weiter die planetaren Grenzen, inzwischen 7 von 9, nun sind auch die Ozeane übersäuert. Trotz all dem Wissen, obwohl es mehr Forschung, mehr Aktivismus, mehr Bewußtsein zum Thema jemals gibt, steigen unsere CO2-Werte weiterhin an (beides Nachrichten aus den letzten Wochen). Die Hauptkontinuität in den IPCC-Berichten (Weltklimarat, also die seriösesten Forschungseinrichtungen weltweit) ist: alle prognostizierten negativen Folgen treten noch schneller ein, als befürchtet.
Wir rauschen in dem ersten Text mal durch, in den folgenden Ausgaben gehen wir dann nochmal ausführlicher auf alle Teile ein.
😡 Warum so negativ?
Wir sind es inzwischen sehr gewohnt, dass Nachrichten zum Klimawandel (für mich ein viel zu lasches Wort für das, was passiert) immer auch an positive Botschaften gekoppelt sind, wir können das alles noch schaffen usw.
Das liegt an der weit verbreiteten Klimakommunikation, die sich aus irgendeinem Grund darauf verständigt hat, dass es besser wäre, immer positiv zu berichten und zu argumentieren und mit Hoffnung zu verbinden. Gleichzeitig ist ganz offensichtlich, dass das nur sehr bedingt bis gar nicht funktioniert. Inzwischen sprechen auch namhafte Forschungs-Institutionen wie das Potsdam Institut für Klimafolgenforschung in Journalist*innen-Briefings davon, dass sie ihre Kommunikationsstrategie evaluieren, weil ganz offensichtlich der Erfolg dieser Art der Kommunikation ausbleibt. Es gibt eben leider keine vernünftigen Indikatoren, weiter daran festzuhalten, dass wir das gewuppt bekommen.
Ihr werdet feststellen, dass niemensch, der ernsthaft zum Thema arbeitet und nah an Forschung ist, noch von den 1,5° spricht. Immerhin der Wert, auf den wir uns weltweit einigen konnten, auf den wir uns begrenzen wollen. Auch das wäre schon ein schlechter Kompromiss mit unglaublich negativen Folgen gewesen, inzwischen gehen wir von 2,7° oder mehr aus. Ich beschreibe mal in einer der nächsten Artikel, was das für verschiedene Teile der Erde bedeutet, vor allem im globalen Süden.
Wir bewegen uns übrigens immer noch auf wissenschaftlichem Boden, wenn wir über Kollaps sprechen. Im IPCC wird eben nicht nur ein “best case” scenario, sondern auch ein worst case scenario (4° globale Erwärmung bis 2100) beschrieben. Über das unterhalten wir uns nur nie wegen obiger Grundannahme, dass wir so keine Menschen bewegen können, wenn wir nicht positiv berichten.
Damit müssen wir aufhören. Die Wahrscheinlichkeit aufgrund gesellschaftlichen Umgangs und -verhältnisse und auch die wissenschaftliche Prognose deuten deutlich Richtung worst case.
🤞 Woher dann die Hoffnung?
Mich treibt das Thema nun schon länger um, so sehr, dass ich fast nicht mehr handlungsfähig war im Nachhaltigkeitsbereich. Wer mich kennt, weiß, dass ich stets maximal ehrlich mit Themen umgehe und so war es mir zunehmend schwer, zu Nachhaltigkeit zu arbeiten, ohne das Thema Kollaps mit zu kommunizieren. Dabei hatte ich letztens endlich für mich eine Befreiung, weil ich im Kontext von “Nachhaltigkeit ganzheitlich denken” das Thema eben nicht nur klassisch in “ökonomisch, ökologisch, sozial” aufteilen konnte, sondern eben auch in eine gesellschaftliche Dimension bringen, in der ein Kollaps wahrscheinlich ist. Was mir schwer fiel und fällt, ist: ich freue mich über alle, die jetzt anfangen oder weitermachen zum Thema und möchte diese nicht gleich wieder abschrecken. Gleichzeitig sind wir viel zu fortgeschritten, als dass wir Zeit hätten, unsere Ressourcen und unsere gesellschaftliche Wirkung zu verschwenden. Ich war sehr überrascht, wie viel positive Rückmeldungen ich für diese Keynote vor Kultureinrichtungen erhalten habe. Entweder gibt es das Bewußtsein eh schon oder das Aussprechen dieser Entwicklung macht einen neuen Ausgangspunkt auf. Auf dem Kollapscamp formulierte es eine Person so: “Hier kann ich wieder für mich glaubwürdig Politik machen”. Das lässt sich sehr gut übertragen auf unsere Kontexte in Kultur, Bildung und Zivilgesellschaft. Kollaps ist kein Endpunkt, keine fatalistische Perspektive, die uns jetzt davon befreit, uns für einen positiven Wandel zu engagieren. Kollaps ist ein neuer Ausgangspunkt, der uns hilft, nicht weiter zu verdrängen, was wir da global verkackt haben als Menschheit, in einem Kapitalismus, der per se auf Ausbeutung angelegt ist. Kollaps kann ein neuer, realistischer Ausgangspunkt sein, der uns ermöglicht, uns auf eine Zukunft vorzubereiten, in der wir jetzt schon leben: Poly-Krisen, in denen wir entscheiden sollten, wie wir diese möglichst solidarisch selbst gestalten.
Es gibt dazu noch viel zu sagen!
Ich freu mich auf eure Kommentare und Perspektiven!
In den nächsten Teilen sprechen wir über (theoretische) Grundlagen, über Hoffnung und über kulturelle Praxis im Kollaps. Mindestens.